Osteuropa im Kreis 3

Dvojki (Paare) – eine Forschungsreise nach Bulgarien
dietoechter: Desirée Good, Sava Hlavacek
Station 21, Stationsstrasse 21
Bis 27. März

Nicole Isele Man betritt die Vernissage und findet sich unmittelbar in bulgarischer Wohnzimmeratmosphäre wieder: So muss es sein – das Leben in Bulgarien: Ein bunt gemischtes, illustres Publikum tummelt sich in einem einfachen Raum, hier und da ein paar Stühle und Tische, bulgarische Häppchen und Balkanmusik – der Osten mitten in Zürich. Die Atmosphäre ist so pur, dass der Wirkung der Ausstellungsfotos nichts geraubt wird. Die Bilder ziehen einen unvermeidlich in Bann.
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Bild: dietoechter zvg.

„Es ist das Naheliegende und Zwischenmenschliche, das den Kern unserer Arbeit bildet“, so dietoechter, das sind Desirée Good und Sava Hlavacek. Mit diesem Credo, jeder Menge Neugier, Fotoapparat und Tonband machten sich die Künstlerinnen 2005 gen Osten auf.
Und warum ausgerechnet Bulgarien? Der Balkan habe die beiden schon immer interessiert und da Bulgarien stets im Schatten seiner politisch gebrandmarkten Nachbarstaaten stand, sei jenes (Neu-)Land für ihr Projekt besonders attraktiv gewesen.

Meist sind es Paare, die abgelichtet sind. Immer ist es die authentische Atmosphäre, die den Bildern ihren Charme verleiht – da ist nichts Aufgesetztes, Affektiertes oder Gekünsteltes: Good und Hlavacek ist es gelungen, ein Stück bulgarischen Alltag einzufangen.
Während ihrer Reise haben sie die Menschen befragt über ihre ganz persönlichen Ängste und Sorgen, aber auch hinsichtlich der politischen Situation: stand doch zu jenem Zeitpunkt der Beitritt Bulgariens in die Europäische Union unmittelbar bevor.

Das Lookbook, welches die Photographien textlich kommentiert, verweist auf Schicksale von Bulgaren aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und Landesteilen, gezeichnet von Arbeitslosigkeit, Armut, Krieg, gesellschaftlicher Ablehnung oder politischen Zukunftsängsten.
Die Paare plaudern aus dem Nähkästchen; in der intimen Kulisse ihrer eigenen vier Wände sind sie ganz sich selbst. Und egal wie schwer ihre Geschichte aus den Begleittexten auch sprechen mag, egal wie explizit sie aus den Aufnahmen abzulesen ist, wird man als Betrachter doch stets von etwas stärkerem eingenommen: der aus den Gesichtern strahlenden Liebe.

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Bild: dietoechter zvg.

Mitunter finden sich auch Motive, bei denen es keine offensichtliche Synthese auszumachen gibt. Es bedarf eines zweiten Hinsehens, um sie dem Ausstellungstitel „Paare“ zuordnen zu können. Bei jenem zweiten Blick aber, bieten die Bilder die Perspektive aus einer Welt in eine Welt: Ein Rohbau an der Meeresküste suggeriert so eine Unfertigkeit gekoppelt mit einer Vision: Hier der Stillstand – da die See mit ihrer Weite, ihrer Beweglichkeit, aber auch in ihrer Unberechenbarkeit. Hier Bulgarien und der Nationalstolz – da Europa und die Sehnsucht nach der schönen neuen Welt!?

Was an dieser Ausstellung fasziniert, ist das Einfache, Natürliche und Echte. Mit viel Fingerspitzengefühl ist es den Künstlerinnen gelungen, eine Schablone bulgarischen Lebens zu kommentieren und dieses Leben so abzubilden, wie es ist: Pur, manchmal beängstigend, zugleich voller Hoffnung und in jedem Falle lebenswert – weil geprägt von Liebe.

18. März: 19 Uhr Lesung aus dem Buch von Dimitri Dinev „Ein Licht über dem Kopf“ vorgetragen von Markus Luginbühl
27. März: 19 Uhr Finissage mit Überraschungskonzert

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