Interview mit Melanie Bonajo und Kinga Kielzcynska

Rahel Klauser Aktuell wird in der Gallerie Rotwand die Sammelausstellung Disguised präsentiert. Zwei der ausstellenden Künstlerinnen, Melanie Bonajo und Kinga Kielzcynska, geben Auskunft zu ihren Werken aus der Serie „Modern Life of the Soul“.

Melanie Bonajo, Kinga Kielczynska, Metamemory, 2007, Bild: Rotwand.

Wie seid Ihr auf die Idee zu dieser Serie gekommen? Was war der Auslöser dafür?
Die Fotografien sind Teil einer Serie, welche die Existenz eines heiligen Kultes in Polen dokumentiert, den wir auf einer Reise durch den alten Regenwald des Bialowieski-Nationalparks an der Ostgrenze Polens entdeckt haben. Es handelt sich um eine neue Bewegung, welche sich Darwins Evolutionstheorie widersetzt und der menschlichen Zivilisation den Rücken kehrt. Die Anhänger sind der Überzeugung, dass die Menschen ursprünglich von den Pflanzen abstammen. Sie leben in Häusern, die aus Pflanzen gebaut sind und sie zelebrieren den Wald durch musikalische Darbietungen und indem sie Altare aufbauen. Sie kommunizieren mit Pflanzen über elektromagnetische Felder. Die Themen, mit denen sie sich beschäftigen, sind tief verankert in unseren Seelen, man könnte in gewisser Weise von einer Art Rückschritts der Zukunft sprechen. Der Ausgangspunkt für die Idee war unser eigenes Bedürfnis nach einem ganzheitlichen Verständnis der Welt, in der wir leben. Die Geschichte entwickelte sich im Verlaufe unserer Reise.

Worin besteht die Aussage Eurer Bilder?
Die Fotografien wurden von den Galeristinnen ausgewählt und zeigen nur einen Teil unserer Serie. Die Menschen auf den Fotos glauben, wie gesagt, dass sie von Pflanzen abstammen und versuchen folglich, auf verschiedensten Ebenen eine Symbiose zwischen sich selbst und der Pflanzenwelt herzustellen. Wir sind der Meinung, dass es die Aufgabe der Kunst ist, Fragen zu provozieren, nicht Antworten zu geben. Das Projekt ist zu verstehen als Metapher für das Streben nach Harmonie.

Auf mich persönlich haben die Bilder etwas unheimlich gewirkt. Welche Atmosphäre habt ihr mit Euren Bildern beabsichtigt?
Warum unheimlich? Die Atmosphäre eines Bildes ist etwas Sekundäres, etwas, was man nicht kontrollieren kann, ein Nebenprodukt einer Idee, die man übermitteln möchte. Der Grund, weshalb die Bilder auf Dich unheimlich gewirkt haben, liegt möglicherweise darin, dass die Bilder etwas repräsentieren, was ausserhalb des Bekannten liegt. Sie berühren einen Bereich des Unbekannten, der sich hinter der Fassade des alltäglichen Lebens verbirgt. Es liegt im Auge des Betrachters, wie angenehm einem diese Welt erscheint. Aber dabei sollte auch ein Sinn für Humor beibehalten werden.

Im Manifest schreibt Ihr, eine künstlich kreierte Kultur würde ihren freien Willen verlieren und zur Entfremdung unserer Natur von der Natur führen. Könnt Ihr diese Idee genauer ausführen?
Dies bezieht sich auf einen Gedanken, der in der zeitgenössischen Kultur und Gesellschaft sehr viel Bedeutung einnimmt: Der Kult der freien Wahl und die daraus angeblich entstehende Freiheit. Für uns geschieht genau das Gegenteil, weil die künstlich generierte Kultur zu einer Art von kulturellen Hybriden führt, zu einem Überangebot von Möglichkeiten, die verwirren und die eigene Person von ihrem inneren Ursprung trennen. Wir leben in einer Kultur des Überflusses und der Übertreibung. Mit unserem Projekt versuchen wir, der Geschwindigkeit Einhalt zu gebieten. Der Kult stellt sich unserer Gesellschaft entgegen und bedeutet unserer Meinung nach eine Vision oder einen Einblick in die Zukunft mit all unseren Wertschätzungen, Zielen, moralischen Vorstellungen und Lebensweisen. Wir möchten, dass die Betrachter zum Denken angeregt werden, indem wir ihnen Gegenteile präsentieren.

Nach welchen Kriterien habt Ihr die Titel für Eure Bilder ausgewählt?
Bei den Titeln handelt es sich um Zitate aus Interviews, welche wir mit Anhängern des Kults geführt haben, sie sollen einen Dialog herstellen zwischen uns und der Bedeutung ihrer Philosophie und ihrer Lebensart. Die Titel sind wie Poesie, die Anhänger des Kults bedienen sich einer poetischen Sprache. Die Titel, genauso wie das Manifest, sind Kunstwerke für sich innerhalb des Projekts.

Wo habt Ihr die Fotografien aufgenommen?
In den Wäldern an der Nordostgrenze von Polen. Wir besuchten verschiedene kleine Dörfer in den Randgebieten der Nationalpärke und Reservate wie den Bialowieski-Nationalpark oder Knyszynska. Polen ist eines der wenigen Länder Europas, welches Teile des Urwaldes schützt. Es sind sehr spezielle Orte, die unberührte Energie purer Natur beinhalten, wo die Menschen noch nach den grundsätzlichen Regeln der Natur leben und Natur anders erfahren als wir das in einem urbanen Umfeld tun. Dies ist es, was wir mit unserem Projekt repräsentieren möchten: den Versuch, diese Verbindung für uns selber wieder herzustellen.

Disguised
Sammelausstellung
Gallerie Rotwand, Rotwandstrasse 53
Bis 9. Mai

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s