Bestechend natürlich

The Casting System
Ruth Erdt
message salon downtown

Langstrasse 84 / Brauerstrasse 37
bis 19. April 2008

Nicole Isele Es sind noch keine Frauen, aber auch keine Mädchen mehr, die puren Wesen, die einen aus Ruht Erdts Porträts entgegenblicken. Der Künstlerin ist es gelungen, das „Zwischen“, den ambivalenten Zustand, das von Reinheit und Unbewusstheit gezeichnete Stadium vor der Adoleszenz in ihren Fotografien festzuhalten.
Angefangen habe alles mit dem Interesse an diesem einen Moment der Unschuld, den versierte Modells weit hinter sich gelassen hätten; den Moment bevor Professionalität und Abgeklärtheit einsetzten und Gesichter zu Masken wurden, so Ruth Erdt. Für ihr Projekt Casting System arbeitete sie zunächst mit jungen Mädchen aus der Schweiz im Alter von 14-17 Jahren zusammen.

Ruth Erdt, „Nora (von Fotogen)“, 2007. Bild: message salon downtown.

Stets ungeschminkt und in weisse, liebenswert biedere Kleider gehüllt, posieren die Mädchen vor der Kamera.
Man betrachtet die grossen Porträts im Parterre der Ausstellung und erkennt sofort, worum es geht: Man erfasst ihn, den besagten, kostbaren Zustand davor – es ist eine Phase unbewussten Schönseins, welches genau wegen dieser Unbewusstheit umso echter daher kommt.
Auch wenn die Mädchen teils etwas unsicher wirken in Ihren Posen, das Glitzern in ihren Augen nicht nur vom Modeltraum zeugt, sondern stets auch etwas ängstlich scheint, hat man den Eindruck, sie bieten ein Mass an Authentizität, wie man es bei professionellen Mannequins vergeblich suchen wird; völlig frei von Attitüden und jeglicher Affektiertheit; so ganz und gar kein Casting System, sondern weit ab von Kategorisierungen und Klischees der Branche.

Zur Fortführung ihres Projektes zog es Erdt nach Indien. Sie suchte ein Land, das grösstmöglichsten Kontrast zur Schweiz bietet. Begibt man sich also in den Gewölbekeller des message salons, so steht man dunklen mystischen Schönheiten gegenüber: Jungen Inderinnen, die eine vollkommen andere, exotischere Ausstrahlung bieten; sich allerdings auch etwas unbeholfener zu präsentieren wissen als die Models aus der Schweiz. Oft sei es sehr schwierig gewesen, ihnen die für sie fremden Posen zu vermitteln, welche den Europäerinnen selbstverständlich waren, schildert Erdt.
Diesen Unterschied verdeutlicht eine Montage durch Aufeinanderlegen von jeweils zwei transparenten Motivschablonen. Die lasziveren Haltungen der Europäerinnen und der gehemmte Ausdruck der Inderinnen werden geschichtet und eröffnen im Zusammenspiel eine eindrückliche Installation der (kulturellen) Gegensätze.

Ruth Erdt, „Bombay“, 2008. Bild: message salon downtown.

Die den indischen Alltag dokumentierenden Fotografien im oberen Stockwerk der Galerie sind gespickt mit Aufnahmen jener Inderinnen, welche bereits aus dem Keller bekannt sind. Diese Serie, deren Bilderformat klein gehalten ist – zum Teil sind es Collagen zweier Fotos nicht grösser als DIN A4, mit Nadeln an der Wand befestigt –, schafft es nicht das Potential zu entwickeln, das den Motiven zweifelsohne inne wohnt. Die Anordnung der Abzüge scheint zufällig, die nicht vorhandenen Rahmen lassen die Aussage noch verschwommener wirken. Möglicherweise soll die Willkür etwas von der Indischen Alltagswelt widerspiegeln, schliesslich dokumentieren die Bilder die Einfachheit und das Durcheinander eines Dritten Welt Landes. Doch der Preis für dieses Experiment ist zu hoch und geht auf Kosten der Aussagekraft der Momentaufnahmen; der ansatzweise auszumachende Gegensatz von Schein und Sein wird an dieser Stelle zu wenig deutlich.

Nichtsdestotrotz: „The Casting System“ ist eine gelungene Arbeit. Ruth Erdt beweist Empathie und Feinsinnigkeit und vermag dadurch den Mädchen Intimstes abzugewinnen. Es ist ihr – wenn auch noch unfertiges – Selbst, aber nichts als das, was die Fotografin zu entlocken versteht. Als Betrachter wird einem eine unverfälscht natürliche Fotogenität präsentiert, die im Hinblick auf die gegenwärtige Modefotografie mehr und mehr ins Hintertreffen gerät. Ein Plädoyer dafür, dass weniger eben doch mehr ist.

Ruth Erdt, „Bombay“, 2008. Bild: message salon downtown.

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