Spiegelwelten

Schöne Fernsicht
Gabriela Signer
station21, Stationsstrasse 21
Bis 25. April 2008, Finissage ab 19 Uhr

Birgit Fritsch Bereits von der gegenüberliegenden Strassenseite aus wird klar, was mit Fernsicht gemeint ist: da schlängelt sich ein weisses Band über die Fensterscheiben der station21 und suggeriert eine Bergkette oder den bewegten Horizont eines aufgewühlten Meers. Gabriela Signer entführt in eine doppeldeutige Welt der Ein- und Aussichten. Sie spielt gekonnt mit den Erwartungen und dem Bildgedächtnis der BetrachterInnen

Gabriela Signer, seen 1, 2007, Wachssalbe/Holz, 140 x 100 cm. Bild: Gabriela Signer zvg

Im ersten Ausstellungsraum der station21 hängen drei grossformatige Gemälde, die geheimnisvolle Welten zu bergen scheinen. Signer verwendet eine historische Maltechnik mit Wachssalbe, bei der kaltes Wachs mit einem Lösungsmittel zusammen geschmolzen und danach mit Farbpigmenten gemischt wird. In unzähligen Schichten wird die entstandene Masse auf grundierte Holzplatten aufgetragen. Signer beschränkt sich in ihrer Farbwahl auf Schwarz und die drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Die Wachssalbe verunmöglicht eine mimetische Darstellung und so erhalten die Sujets eine abstrakte Eigenständigkeit, die von Signer in einem weiteren Schritt zusätzlich verfremdet wird. Mit einem heissen Stift brennt sie von Hand unterschiedlich breite und dichte Linien in das Wachs. Die einzelnen Farbschichten verschmelzen je nach Untergrund mit den anderen Grundfarben, tiefer liegende Farbschichten werden freigelegt. Die Bilder verfügen dadurch über eine unglaubliche Tiefenwirkung und lassen ihre Spannung auf die Betrachtenden übergehen. Die Oberfläche der Werke scheint zu verschwimmen und im Begriff einer umfassenden Metamorphose zu stehen.

Die wellenförmigen Schraffuren vermitteln den Eindruck, durch die halb verschlossenen Lamellen eines Rollos in fremde Welten blicken zu können. Gebannt bewegt man den Kopf von Seite zu Seite und versucht einen Blick in diese Spiegelwelten zu erheischen, die so nahe zu liegen scheinen und sich doch immer wieder entziehen. Auf dieses schichtweise Übereinanderlegen, Spielen mit inneren Bildern und Sehweisen trifft man auch bei Signers Fotografien und Videoinstallationen.

Gabriela Signer, colours, 2008, Videostill. Bild: Gabriela Signer zvg.

In der Videoinstallation colours wird scheinbar in einem verdunkelten Raum durch eine schmale Lichtöffnung ins Freie geblickt. Vor blauem Himmel bewegt sich ein roter Stoff, mit einem kleineren weissen Feld, an einer Stange im Wind. Das poetische Tanzen der durchscheinenden Farben in der Luft kontrastiert mit den aufkommenden Gedanken beim Zusehen. Wie ein Voyeur, der aus seinem Versteck die Welt beobachtet fühlt man sich und hat im Kopf längst die Farben zu einer Schweizer Flagge ergänzt.

Im Salon „Blau“ trifft man schliesslich auf die Quelle der Musik, die durch die Räume strömt. In der Videoinstallation unterwegs mit F.H. wirft ein Projektor seinen Film auf die gegenüberliegende Leinwand, während Cellomusik dazu ertönt.

Gabriela Signer, unterwegs mit F.H., 2008, Videostill. Bild: Gabriela Signer zvg.

Krakelige, mäandrierende Formen bewegen sich schwerelos über die Leinwand, scheinen sich aufzulösen, nur um sich im nächsten Moment wie Flüssigkeit wieder auszubreiten. Das Ganze ist hypnotisierend und rätselhaft. Immer wieder lassen sich neue Formen und Bilder erkennen, da: eine Wolke! ein Berg! – nein, Lichtreflexe!

Signer gelingt es in ihren Arbeiten, neue Sehweisen anzuregen und die Betrachtenden in ein fesselndes Spiel mit ihren eigenen Erwartungen zu entführen. Der Besuch ihrer Fernsichten wird somit auch zum Besuch der eigenen Bildwelten.

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