Ideale Freunde, mystische Mädchen und tote Jungs

L’Education sentimentale
Freymond-Guth & co. Fine Arts
Langstrasse 84
Bis 9. Mai

Evelyne Baumberger Laut ist es, wenn man in den Keller von Freymond-Guth Fine Arts hinuntersteigt. Einerseits fühlt man sich dann wie im Übungsraum einer Band, andererseits wie in einem Spukhaus, denn das laufende Video („Oscillations“, 2007) von Dani Gal, einem israelischen Künstler, mischt zwei Filme: ihre Arbeit ist eine Reinszenierung einer Szene aus dem rätselhaften Tarkovsky-Film „Stalker“, wo ein Mädchen mit scheinbar telekinetischen Fähigkeiten Gläser auf einem Tisch verschiebt, aber danach das ganze Haus aufgrund eines vorbeifahrenden Zuges zu zittern beginnt und die mystischen Kräfte des Kindes wieder in Frage gestellt werden. Dani Gal ersetzt den Zug durch eine Rockband, die sie auch gleich beim Üben zeigt. Wie beim „Stalker“ weiss man nicht, ob die beiden Dinge einen Zusammenhang haben, das Geschehen hinterlässt einen seltsamen Nachgeschmack.

Dani Gal, „Oscillations“, 2007. Installation View. Bild: Freymond-Guth.

Wie ich der Website der Galerie entnehme, beschäftigt sich Dani Gal mit den Vorder- und Hintergründen von Phänomenen. Sie nimmt Dinge auseinander, setzt sie versetzt wieder zusammen und gibt so Filmen und Audioaufnahmen neue Inhalte. Formal tut sie dies auch in „Oscillations“ – doch die Arbeit bleibt trotzdem nicht mehr als ein Remake der Tarkovsy-Szene, die schon im Original die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung hinterfragt.

Auch Megan Sullivan, deren Bilder im Eingangsraum ausgestellt sind, schafft Remakes – sie malt Fotografien mit Gouache nach. Ich bin mir nicht sicher, ob tatsächlich alle Bilder auch als Fotografien existieren, oder ob einige auch frei gemalt sind, das geht aus der Ausstellung und dem Pressetext (hier Download als PDF) nicht hervor. Sullivan, eine in Berlin lebende Amerikanerin, geht in der ausgestellten Serie dem Leben von David Kennedy nach, einem Enkel von JFK, der mit 28 an einer Drogen-Überdosis starb. Technisch perfekt, zeigen die schwarzweissen Gouachen Szenen aus seinem Leben und wirken dabei wie Paparazzi-Fotos.

Megan Sullivan, xx, 2008. Installation View. Bild: Freymond-Guth.
Heute erhält man beinahe minütlich News, Klatsch und Tratsch über Prominente im Internet und in der Boulevardpresse. Diese Schnelllebigkeit steht in keinem Verhältnis zu der Zeit, die Sullivan wohl für die einzelnen Bilder aufwenden musste. Diese Diskrepanz wird zwar ein wenig gebrochen dadurch, dass der Tod von David Kennedy fast ein Vierteljahrhundert her ist, und trotzdem scheint mir die Thematik aktuell: Die Bilder lassen mich zum Beispiel an den Tod von Heath Ledger denken, der im gleichen Alter wie Kennedy ebenfalls kürzlich einer Überdosis erlag. Ob ich wohl mit diesem Vergleich der Arbeit von Megan Sullivan Unrecht tue? Doch beide Geschichten zeigen die tragische, oft verhängnisvolle und von Erwartungsdruck geprägte Beziehung zwischen Ruhm, öffentlicher Idealisierung und individueller, natürlich auch von Fehlern und Schwächen bestimmter Persönlichkeit und der Sehnsucht nach einem friedlichen Leben.

Tanja Roscic, untitled, 2008. Installation View. Bild: Freymond-Guth.

Highlight der Ausstellung war für mich aber ganz klar der Raum mit den Arbeiten der in Zürich lebenden kroatisch-albanischen Künstlerin Tanja Roscic. Doch gerade ihre Arbeiten sind im Nachhinein schwer zu beschreiben. Schon alleine die Materialität ihrer Werke faszinierte mich – dickes, fast gekleistert wirkendes Büttenpapier, zwei- und dreidimensionale Collagen von Bildern und Materialien. Die an der einen Wand hängenden, eher flachen Arbeiten sind in rosa gehalten und wirken so sehr fleischlich, und sie zeigen auch menschliche Wesen: Im Pressetext steht, dass sie Rosic ähnlich sehen und von ihr als „ideale Freunde“ bezeichnet werden.

Tanja Roscic, untitled, 2008. Installation View. Bild: Freymond-Guth.

Die dreidimensionalen Arbeiten erinnerten mich an exotische Masken – doch nicht düster, erschreckend und voller schwarzer Magie, sondern hell und zerbrechlich. Roscic lässt die Gesichter unvollständig, an manchen Stellen scheinen Organe – in Form von einem Gewirr aus Wolle – herauszubrechen, und einige wie die aufgespiessten Kinderköpfe scheinen in einem seltsamen Zwischenbereich zwischen Tod und einer geheimnissvollen, unheimlichen Lebendigkeit zu schweben. Die Künstlerin benutzt die Dekonstruktion von Körperlichkeit, um – ähnlich wie Megan Sullivan – die Konstruktion von Identitäten zu thematisieren.

Schlussendlich musste ich an einen faszinierenden Satz von Rainer Maria Rilke, aus seinem fragmentarischen Werk „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ denken: „Aber die Frau, die Frau: sie war ganz in sich hineingefallen, vornüber in ihre Hände. (…) Die Frau erschrak und hob sich aus sich ab, zu schnell, zu heftig, so daß das Gesicht in den zwei Händen blieb. Ich konnte es darin liegen sehen, seine hohle Form. Es kostete mich unbeschreibliche Anstrengung, bei diesen Händen zu bleiben und nicht zu schauen, was sich aus ihnen abgerissen hatte. Mir graute, ein Gesicht von innen zu sehen, aber ich fürchtete mich doch noch viel mehr vor dem bloßen wunden Kopf ohne Gesicht.“ (Die ganze Textstelle ist hier nachzulesen, 5. Abschnitt)

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2 Antworten zu “Ideale Freunde, mystische Mädchen und tote Jungs

  1. hey danke! wirklich toll, wie du immer à jour bist!
    zu megan: ja alle bilder stammen von fotografien und dokumenten. david war ausserdem ein neffe (sohn von bob kennedy) und nicht der enkel. zu danis arbeit: ich denke es geht darum, verschiedene elemente von schwingungen auf ihre ursache und wirkung zu untersuchen. das renactment von tarkowsky funktioniert dabei sowohl als zitat aus der filmgeschichte und dessen erweiterung als auch konfrontation mit dem ansonsten stark subjetivierten footage materialien.

  2. danke für den kommentar! mir war die arbeit von dani gal zu ähnlich wie tarkowsky, ich verstand das video einfach als eine (minime) erweiterung um eine zeitgenössischere form der schwingungen – band anstatt zug. und weil für mich der teil mit dem mädchen den eindruck der arbeit ganz klar dominierte, und dieser teil praktisch gleich ist wie im original, war mir diese erweiterung einfach zu schwach.

    (und seltsam, dass ich „enkel“ geschrieben habe, war mir nämlich auch klar, dass es der neffe war. habs korrigiert.)

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