Leere Räume und platt gedrückte Ufos

Do you have expectations?
Patricia Bucher (CH), Florencia Colombo (AR), Benedikt Hipp (D), Alicja Kwade (D), Asli Sungu (TR), Sebastian Wickeroth (D)
Wartesaal, Langstrasse 84/Brauerstrasse 37
Bis 17. Mai

Rahel Klauser Im Wartesaal im „Chreis Cheib“ wird der oder die Kunstinteressierte in der aktuellen Ausstellung „Do you have expectations?“ mit der Frage nach Erwartungen konfrontiert. Die internationalen Kunstschaffenden interpretieren diese alle auf ihre eigene, mitunter sehr humorvolle Art und Weise und regen zu einer erweiterten Dimension der Betrachtung an.

Sebastian Wickeroth, Ohne Titel, 2008. Bild: wartesaal
Mitten im Raum ist die Installation von Sebastian Wickeroth (D) platziert. Ein graues „Ding“, nicht so recht erkenntlich, was es darzustellen versucht. Es erinnert mich an eine tiefgefrorene Bettdecke, an graues Regenwetter, an ein platt gedrücktes Ufo. Oder soll es am Ende gar nichts Konkretes darstellen? Auch der Pressetext führt nicht zum erhofften Aha-Erlebnis. Weil mich die Installation verwirrt, beschliesse ich bei den anderen Werken zu beginnen und später herauszufinden, was es mit dieser Arbeit auf sich hat.

Florencia Colombo (AR) zeigt in der Arbeit Faces of our Time (2008 ) Schwarzweiss- Fotografien, die ausschliesslich Räume abbilden: Wohnungen und öffentliche Plätze. Beim näheren Betrachten fällt mir auf, dass keine Menschen auszumachen sind, dafür jedoch deren Spuren. Da ist zum Beispiel das Bild von einem Arbeitszimmer: ein aufgeschlagenes Buch, eine aufgehängte Jacke und ein brennendes Licht deuten die kürzliche Anwesenheit einer Person an. Ich überlege mir, was ich hier erwartet hätte. Die Antwort habe ich mir eigentlich bereits gegeben: Menschen, die Anwesenheit von Individuen. Die Künstlerin bringt das Publikum mit ihrem Werk auf subtile und raffinierte Weise dazu, sich mit der Frage nach Erwartungen zu beschäftigen, was den Fotografien eine zusätzliche Dimension verleiht.

In ihren Videoarbeiten setzt Alicja Kwade (D) gekonnt auf den Einsatz von Aufnahmen in Zeitlupe, die oft überraschen und mich aufgrund der effektvollen (und lauten) Untermalung mit Klängen auch immer wieder zusammenzucken lassen. No Light Left – die Erschiessung der 1.2.3. Dimension (2007) zeigt mit bunten Flüssigkeiten gefüllte Gläser und Flaschen, die wie von Geisterhand umfallen und zerspringen. Kwades Werk kommt im Kellergeschoss des Wartesaals, abgesondert von den übrigen Werken, sehr gut zur Geltung und ermöglicht ein vollkommenes Eintauchen in die Bilderwelt.

Am besten gefällt mir jedoch die amüsante Videoarbeit von Asli Sungu (TR). In Ganz die Mutter / Ganz der Vater (2006) setzt sich die Künstlerin mit den Erwartungen ihres Umfelds auseinander, indem sie sich sowohl von ihrem Vater als auch ihrer Mutter nach deren Vorstellungen einkleiden lässt. Einen lustigen Nebeneffekt bildet die Tatsache, dass die Eltern intensiv mit der laufenden Kamera beschäftigt sind. Während der Vater besorgt ist, die Tochter könnte zuviel Haut zeigen („Ziehst du dich aus? Sieht man das im Film? Das ist doch unmoralisch!“), fragt die Mutter immer wieder: „Drehst du schon?“. Auch die Unterschiede in der Kommunikation zwischen Mann und Frau kommen unweigerlich zur Geltung: Während der Vater alles schön und passend findet (wahrscheinlich aufgrund von mangelndem Interesse gepaart mit der Angst, es könnte sonst zu lange dauern), unbeweglich auf dem Sofa sitzt und praktisch kein Wort von sich gibt, ist die Mutter ständig in Bewegung und richtig engagiert: Da werden Taschen hervorgekramt, Frisuren ausprobiert etc. Sungu spielt auf witzige und unbeschwerte Weise mit dem Thema Erwartungen.

Ausstellungsansicht. Bild: wartesaal

Am Schluss bleibe ich noch einmal bei der Installation in der Mitte stehen. Weil ich es immer noch nicht verstehe, fasse ich mir ein Herz und frage den Künstler direkt, wie sein Werk im Kontext der Ausstellung zu verstehen sei. Die Installation bewege sich zwischen Bild und Skulptur, ohne dabei die jeweiligen Erwartungen zu erfüllen. Die Farbe Grau beziehungsweise die Nichtfarbigkeit der Installation wiederum stehe im Kontrast zu der Tatsache, dass das Objekt die Farben der Umwelt wie ein Spiegel reflektiert. Die Installation sei deshalb ein Hybrid, irgendwo dazwischen, meint der Künstler. Endlich dämmert auch mir, was die Installation bezweckt. Die Tatsache, dass mich das Werk in die Irre geführt hat, war somit wohl intendiert – Erwartungen, seid gegrüsst!

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