Kokons

Four Artists
Thomas Blank, Hubert Crevoisier, Murielle Michetti, Jean-Marie Michel
Swiss Art Ventures, Thurwiesenstrasse 7
Bis 26. Juli


Elena Richter
Was haben eine Geisha, eine Glasraupe, eine Kugel in einer Kugel und Amnesie gemeinsam? Die Idee des Geheimnisvollen und Verborgenen. „Four atists“ heisst die erste Ausstellung in der Galerie „Swiss art ventures“ in Zürich. Präsentiert werden die Arbeiten von zwei Glaskünstlern und zwei Fotografen. Das erklärte Ziel der Manager von „Swiss art ventures“ ist es unter anderem, die Barrieren zwischen den verschiedensten Kunstformen einzureissen. Mit „Four artists“ ist ihnen das vortrefflich gelungen. Betritt man den Ausstellungsraum, erfasst man auf einen Blick Fotografien und Glasskulpturen und empfindet die Verbindung von beidem als selbstverständlich.


Zur linken, vor den Fenstern der Galerie, stehen drei grosse Glaszylinder, in denen aufeinander gelegte farbige Glasscherben scheinbar schweben. An der angrenzenden Wand hängen blaue, industriell gefertigte Glasscheiben. In einer Performance werden die Glasscheiben zerstört und die Glasraupen im Zylinder entstehen. Glasraupe im Zylinder – diese Bezeichnung ist meine Erfindung. Aber ich liege damit gar nicht so falsch, denn die Spezialität des aus der Romandie stammenden Künstlers Hubert Crevoisier ist der Kokon. Viele Jahre lang wollten Galerien von ihm nur Kokons haben, bis er der vielen Kokons beinahe schon überdrüssig wurde. Deshalb hat sich ein Missgeschick der aktuellen Ausstellung auch zu einem Highlight für ihn gewandelt: Die Glasskulptur „Beauty Lies Within – Utopia Begins“ ist beim Transport in die Brüche gegangen. Für den Künstler ein Symbol dafür, dass der Kokon endlich aufgebrochen ist und die wahre Schönheit seiner Kunst sich entfalten kann.

Hubert Crevoisier, Glas Skulpturen, 2008. Bild: Michael Auer (www.dreamis.ch)
Mit dem Gedanken des Kokons im Kopf nähere ich mich den Skulpturen des Berners Thomas Blank mit dem Vorsatz, das Verborgene in ihnen finden zu wollen. Die grossen Kugeln werden inspiziert, neugierig linse ich durch das kleine Loch in ihr hohles Inneres, ob sich denn etwas darin befände, und immer noch neugierig, da das Geheimnis noch unentdeckt bleibt, wende ich mich der Oberfläche zu und sinniere darüber nach, woraus sie wohl bestehen möge. Aus mundgeblasenem Glas, verrät der Künstler. Aussehen tun einige von ihnen aber wie aus Stein, aus Keramik, und zieht sich da nicht Rost über die eine Kugel? Hier haben wir auch schon unser Geheimnis: Es ist die Oberfläche, die vorgibt, etwas zu sein, was sie nicht ist.

Thomas Blank, Lapidis No. 17, 2008. Bild: Michael Auer (www.dreamis.ch)
Besessen von der Suche nach dem Verborgenen stürze ich mich nun in die Fotografien des Romand Jean-Marie Michel, versinke im fesselnden Rot der „Série rouge“, die aus einer „Geisha“, einem jungen Künstler und einem alten Maler besteht, und erfreue mich gleich doppelt daran, als ich die Interpretation der Talentsucherin Miky Dan höre, sie sähe eine Abwandlung der heiligen Dreieinigkeit – Gott, Mutter und Sohn – darin. Etwas Spirituelles strahlen die drei Fotografien allemal aus: ein Einssein vom Menschen und seiner Umgebung.

Jean-Marie Michel, Geisha, 2006. Bild: Michael Auer (www.dreamis.ch)
Die dritte Romande im Viererbund ist Murielle Michetti, deren Fotografien das Gefühl der Apokalypse und des Wiedererwachens geben. „Amnesia“ heisst eine der beiden ausgestellten Fotoserien, die verschwommene Fotos in milchigen Farben zeigt, durchzogen von je einem schmalen, stark verpixelten Streifen, auf dem man sich einbildet, mehr als auf dem Rest des Fotos zu sehen. Was die Bilder, vor allem in Verbindung mit ihrer Bezeichnung, auslösen, ist das Gefühl des Aufdämmerns aus dem Vergessenen.

Murielle Michetti, Amnesia No. 22, 2006. Bild: Michael Auer (www.dreamis.ch)
Hier schlage ich einen Bogen zu dem von mir gewählten Titel „Kokons“. Ein jedes dieser Kunstwerke pulsiert und lebt. Verbirgt sein Geheimnis vor dem Betrachter und offenbart es ihm, sobald es dazu bereit ist. Wie eine Raupe, die sich verpuppt, um als Schmetterling neu geboren zu werden.

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