Vaterland und Muttererde

für Perla
Gilgi Guggenheim
message salon downtown, Langstrasse 34/Brauerstrasse 37
25. April bis 10. Mai 2008

Annika Schwenn Wie lässt sich eine subjektive Familiengeschichte auf den historischen Kontext eines Volkes erweitern? Ohne dabei rührselig oder grob zu sein? Ohne grosse Gesten und Stereotypen zu verwenden? Und dazu noch anhand von Gemälden, die schön anzusehen sind, anstatt zu verstören? Gilgi Guggenheim gelingt dieser Drahtseilakt auf faszinierend feinfühlige und leichte Art.

Bereits beim Betreten von Esther Eppsteins message salon wird die Historizität der Ausstellung fühlbar. Die Bilder, drei Landschaften und vier Porträts, hängen an den unebenen Wänden des ehemaligen jüdischen Textilgeschäfts „Perla Mode“, denen man ansieht, dass um sie herum viel geschehen ist. Bezeichnenderweise passt der Titel „für Perla“ bestens in den Raum; nicht allein wegen des Namens: die Urgrossmutter der Künstlerin, die auf einem der Porträts abgebildet ist und der die zusammengehörige Bildserie gewidmet ist, wurde als Jüdin im Holocaust ermordet und führt als Älteste die weibliche Ahnenreihe an. Ihr Sohn, der Grossvater der Künstlerin, war der einzige Überlebende der Familie und kam während des Krieges in Palästina in die Schweiz. Dargestellt sind neben Perla die Mutter und die beiden Töchter Guggenheims, in einer „Babuschka – Reihe“, wie sie selbst formuliert.

Gilgi Guggenheim, Anin, 2005, Bild: message salon.

Dieses russische Motiv der Babuschka als Hinweis auf die Wurzeln, die fast vollständig ausgelöscht wurden, zeigt an, worum es hier neben der Grundkontingenz eines individuellen Familienschicksals geht. Der Blick auf die Geschichte des Judentums soll nicht rein emotional sein, sondern versuchen, die Linie bis heute zu verfolgen. Die Porträts, alle nach Fotografien entstanden, erscheinen nicht völlig individuell, die Personen austauschbar. Abgesehen vom Namen im Titel sind sie orts- wie zeitlos. Jede von ihnen ist im Gegenlicht vor weissem Hintergrund abgebildet, jede schaut nach unten, wirkt abwesend, jedoch nicht willkürlich ins Nichts schweifend. Schliesslich sind da noch die Landschaften.

Gilgi Guggenheim, Land, 2006, Bild: message salon.

Beim Betrachten der Naturbilder fällt es schwer, nicht an Pointillismus und Seurat, oder auch an Impressionismus und Monet zu denken. Doch nach der anfänglichen Kontemplation vor den verschieden feinen Farbflecken nimmt die Serie einen ganz anderen Ausdruck an. Das Format wird vom ersten zum dritten Bild zunehmend schmaler und das Motiv undeutlicher, als würde sich der Blick auflösen. Auch senkt sich der Betrachterstandpunkt, während der Horizont ansteigt, zu dem eines Kindes. Es scheint, als gäbe es zu den drei Frauengenerationen der Porträts jeweils ein landschaftliches Pendant. Die Landstücke sind ebenfalls undefinierbar und lassen sich je nach Betrachter in verschiedenste Territorien einfügen. Der Erinnerungsschatz des Schauenden spielt so eine tragende Rolle. Nicht die bekannten Ikonen des Kriegs und der Vertreibung werden vor Augen geführt, sondern die persönliche Realität, die im selben Masse unbestimmt wie übertragbar sein kann.

Als Ergänzung zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen, die aus Interviews mit bekannten Kulturschaffenden, wie dem Schweizer Künstler Roman Signer oder dem israelischen Autor Joshua Sobol, besteht, die die Künstlerin nach ihren Motivationen und Intentionen befragen. Hier werden durch das persönliche Erzählen wie intellektuelle Selbstreflektieren viele Aspekte und Zusammenhänge erst deutlich, die man den Bildern nicht ansieht. Dass es sich bei den Landstrichen um Orte ihrer Kindheit handelt, die eine bewegte Geschichte haben, dass sie Fotos nachempfunden sind, die von verschiedenen Männern gemacht wurden und somit das männliche Pendant zu den Frauenporträts bilden, und die Muttererde mit dem Vaterland verbinden, dass die Fotos politische Implikationen um den Konflikt mit Palästina tragen, all das geht nicht aus den Gemälden allein hervor. Die Geschichte verlangt nach Erklärung, nach dem kleinen Büchlein und den aufschlussreichen Aussagen der Künstlerin. Dieser Umstand ist bewusst gewählt, damit es zwei Phasen der Anschauung gibt: zum einen die unvorbelastete Sicht, ohne Vorkenntnisse und konkrete Vorstellungen von den behandelten Themen, und zum anderen den aneignenden Blick, der die gegebenen Informationen speichert und in die Betrachtung einfliessen lässt. Dies verlangt Zeit und Geduld. Die Malerei Guggenheims ist zart, sensibel und schwer fassbar. Die Technik variiert, mal malt sie mit feinen Pinseln, mal trägt sie die Farbe mit den Fingern direkt auf die Leinwand auf.

Guggenheims Bilder fordern Zeit, und um Zeit geht es unter anderem. Wie die Geschichte beanspruchen sie eingehende Beschäftigung. Diese ist absolut lohnend, denn sie eröffnet den Horizont zu einer alternativen Herangehensweise an Geschichtlichkeit und einen persönlichen Zugang. Er offenbart die Liebe der Künstlerin für ihre Töchter. Diese Liebe geht weiter und zeigt sich auch in der Darstellung der Frauen ihrer Familie, die Typen und Individuen zugleich sind. Je länger man vor den Gemälden steht, desto gerührter ist man von ihrer zärtlichen Aura.

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Eine Antwort zu “Vaterland und Muttererde

  1. Giulio Bernardi

    Begeistert der Entdeckung, und sehr beeindruckt der tolle Kritik (von Annika Schwenn?) obwohl ich die Austellung, die Bilder und die Künstlerin nur in Internet erfahren habe, möchte ich hier einige Meinungen von mir dazu einfliessen lassen.
    Die Gemälde von Gilgi Guggenheim „für Perla“ sind für mich schmerzhafte Kunstobjekte, unerwartete Erscheinungen von einer Sensibilität, die, vielleicht zum Glück, mit der westlicher „Kunstgeschichte“ (die von Hegel schon für tot gegeben wurde) weniger zu tun haben als man denkt.
    Gedanken und Erinnerungen um den Schicksal unserer Ältern die keine erzählerische Lust in die schriftliche Sprache bringen könnten (Adorno vermutete, dass nach der Vernichtungslager der Nazis, keine Kunst mehr möglich wäre!), können, aber, hier in die Praxis von Gilgi Guggenheim, unterirdische Kraft an der Farbe vermitteln, und das, teilweise, unabhängig vom Subjekt der darstellung. Das Geschehen der Katastrophe in Europa, am Rand des Abgrund, ist viel schneller und unverständlich als jegliche Erwartung gewesen: eine Sinnlose Verfolgung und Vernichtung ohne Gewinner. Ich finde korrekt, damit, ohne retorik umzugehen, genau so, wie in dieser einfache und starke gewidmete Bilder.
    Diese Bilder betrachte ich als Denkmale an einer Lebensqualität und an einer „weiblichen Intelligenz“ die Alles gegen dem (vor allem, Männlichen) Totalitarismus bieten könnten. Diese weibliche Intelligenz, die so weit entfernt aus der Männlichen Schemen der ideologische Kontrolle über „Inhalt“ und „Darstellungsmittel“ ist, bis zum Punkt, dass, teilweise, etwas änliches zur konventionelle Malerei anbieten kann, ohne sich damit vertauschbar zu machen. Falsch wäre, denke ich, diese Bilder als Malerei zu betrachten. „Judisch“ und „Weiblich“ kombinieren sich hier als „Mehrschichtig“: der ähnlicher Wert der die westliche Kunstgeschichte unter dem Sprängung der zweidimensionelle Darstellungskonventionen handeln wollte, Wert der hier erreicht wird, durch die Kraft des Sehnsucht und der Erzählerische Bedürfnisse statt mit der Eroberung von neuen Formen der „Kunst“. Sorry für die noch ungenaue Sprache 😉 Herzlich, Giulio.

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