Mit Schnuten und Perücken

Erica Eyres
Galerie Haas & Fischer, Sihlhallenstrasse 19
Bis 20. Juni

Anna Niederhäuser Tag und Nacht wird die Sihlhallenstrasse im Kreis 4 von verschiedensten Menschen belebt und so ist der Weg in die Galerie Haas & Fischer immer wieder Ereignis für sich. Seit einiger Zeit reihen sich dort neben den einschlägigen Etablissements in neu renovierten Häusern auch Designagenturen und Architekturbüros. Vorläufig steht die Galerie noch zwischen einem Coiffuresalon und einem quartiertypischen Reisebüro und wirkt in ihrer Kargheit als Gegensatz zum bunten Treiben auf der Strasse.

Erica Eyres: Dorm Room, 2008. Kugelschreiber auf Papier. Bild: Haas Fischer.

Im Galerieninnern schauen dem Betrachter von den Wänden weibliche Wesen entgegen, die ein unbestimmtes Unbehagen auslösen. Auf grossformatigen Zeichnungen sind Frauen mit aufwändiger Haarpracht dargestellt. Sie wirken alterslos und ihre Gesichter sind zu Fratzen verzerrt. Allen Frauen haben riesige Lippen, die ihnen einen beleidigten Ausdruck verleihen. Sie erinnern an schlecht zusammengenähte Puppen, bei denen zu viel oder zu wenig Stoff benutzt wurde. Die zum Teil provokanten Posen der Dargestellten sind uns aus Werbung und Hochglanzmagazinen bekannt. Diese sind es auch, die den Betrachter etwas ratlos stehen lassen. Die Posen stehen gegensätzlich zu den deformierten Gesichtszügen und lassen die Modelle lächerlich erscheinen. Die Künstlerin Erica Eyres lässt ihre verführerischen Posen und Blicke nicht gelten und bricht sie zusätzlich mit Accessoires wie Steppdecken und Teddybären. Die Frauen und Mädchen mit ihren dicken Hälsen und überzeichneten Gesichtszügen fangen irgendwann an, einem Leid zu tun.


Erica Eyres. Lara, 2008. Kugelschreiber auf Papier. Bild: Haas Fischer.
Die Zeichnungen bestechen durch ihre Plastizität und die präzise Beobachtung von verschiedenen Stoffen und Haarstrukturen. Erica Eyres arbeitet ausschliesslich mit Kugelschreiber in rot, schwarz und blau. Die gebürtige Kanadierin (*1980) lebt und arbeitet in Glasgow und ihre Kunst wird bei Haas & Fischer das erste Mal in der Schweiz gezeigt. Mit den Zeichnungen werden auch zwei Videos gezeigt, in denen die Künstlerin mit Gebiss und Perücke scheinbar gerne und mit Leichtigkeit in verschiedene Rollen schlüpft. Im Video Commercials macht sie auf spielerische und durchaus amüsante Art auf den Unsinn der Fernsehlandschaft aufmerksam, indem sie verschiedene Werbesendungen karikiert. Die Aufmachung wirkt unbeholfen und banal, trifft aber damit genau die Ästhetik der Reality-TV-Shows und Soap-Operas der 1990-er Jahre. Beinahe tragisch wird das Video My Imaginairy Girlfriend, in dem die Künstlerin eine Mutter-Sohn Beziehung aufzeigt, die den Sohn soweit treibt, dass er sich eine vorgestellte Freundin ausdenkt, die der Mutter stark ähnelt.


Erica Eyres: Imaginary Girlfriend, 2008. Bild: Haas Fischer.

Erica Eyres bei re-title

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