Leinen los fürs Intuitions-Tattoo

Soft-Ice Ahoi
Isabel Obrecht
Mehrzweckhalle, Seefeldstrasse 63
Bis 12. Juni, Finissage 19 – 21 h

Annika Schwenn Es tat nicht weh und ging schneller, als ich meine Erdbeerbowle austrinken konnte. So ging für mich Hamburger Deern an einem Abend gleichzeitig der Traum in Erfüllung, einen richtigen Anker – mit einer spontan darauf landenden Möwe – auf den Oberarm zu bekommen und Teil der Kunst zu werden, die Isabel Obrecht im lockeren Rahmen eines Strassenapéros produzierte und ausstellte.

Der Anlass, offiziell die Vernissage der Ausstellung in der Mehrzweckhalle, bestach neben der ausgelassenen Stimmung, die eher an ein Nachbarschaftsfest erinnerte als an eine steife Kunstzeremonie, durch ihren Performancecharakter. Und natürlich durch die kreative Künstlerin, die fröhlich ihre phantasievollen Tattooschöpfungen an den Gästen entwickelte.

Isabel Obrecht bei der Arbeit, Anker mit Möwe, Bild: Christina Renz

Neben ihren Hautmalereien schafft Obrecht noch unzählige andere Zeichnungen, Abziehbildchen und tätowierte Strumpfhosen, die man, wie sie selbst, auch mal an den Armen tragen kann. Dabei weisen die Motive immer wieder eine gewisse Divergenz auf. Auf den ersten Blick wirken die meisten hübsch, nett oder sogar naiv. Das liegt vor allem an der einfachen Malweise, die ganz bewusst eingesetzt wird, um einen kindlichen Effekt hervorzurufen.

Der Bildinhalt dagegen ist alles andere als lieb: neben Totenköpfen und ähnlich eindeutig bösen Sujets tummeln sich Herzen, die erst auf den zweiten Blick offen auseinander klaffen, Rosendornen, die sich fast unmerklich unter die Haut bohren und andere kleine Gemeinheiten. In diesem Sinne ist auch der Titel „Soft-Ice Ahoi“ gewählt: als Zeichen einer gewissen Ambivalenz. Es geht scheinbar um etwas zwischen Weichheit und Härte. Während eine Tätowierung etwas für stramme Matrosen oder dem Klischee nach zumindest für ganze Kerle und starke Frauen ist, denkt man bei Softeis an kleine Kinder. Wer lässt sich also ein Filzstifttattoo aufmalen? Und dann noch ohne Vorskizze, einfach aus der Hand? Weder der Mut zur Endgültigkeit eines Stichs, noch die Perfektion des Genres, ist gegeben; das Bild wird zur reinen Dekoration (die, nebenbei, bei mir leider nur bis zur nächsten Dusche hielt).

Stand vor dem Hotel Seefeld, Bild: Annika Schwenn

Das wohl mutigste Tattoo des Abends, Bild: Annika Schwenn

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Dies ist die erste Ausstellung der Mehrzweckhalle in diesem Jahr. Sie ist mit ihren 81’312 cm³ an sich schon aufsehenerregend und für den noch nicht versierten Galeriengänger und –Schauer eine kleine Überraschung. Nachdem sie als Schaufenster vor dem Hotel Seefeld identifiziert und der erste Schreckmoment vorüber ist, da der Name eher an eine geräumige Schulaula erinnert, stellt sich die Frage der Nutzung. Hierin besteht laut den Galeristen, Christina Renz und Georg Birkner, die grosse Herausforderung: die Künstler müssten, egal in welchem Medium, auf den begrenzten Raum eingehen und seine Eigenarten in die Präsentation mit einbeziehen. So habe früher schon ein würfelförmiger Fernseher der älteren Generation Platz für eine Videoinstallation gefunden. In diesem Fall seien die Voraussetzungen nicht anders als in der klassischen, begehbaren Galerie, denn die Bilder seien einfach der Raumgrösse angepasst.

Wichtig ist den beiden, dass die Kunst etwas Neues enthält. Die Zürcher Künstlerin bringt zudem das verbindliche Element mit, das Events wie diesen ermöglicht. Die Leute sollen direkt auf der Strasse angesprochen werden und sich an ihr beteiligen. So wird zum Ausklang der Ausstellung ein Mitmachprojekt mit Assignment stattfinden. Indem man beispielsweise sich selbst in der Vergangenheit einen guten Rat erteilt oder etwas fotografiert, bevor und nachdem man es kaputt gemacht hat, kann man sich am Entstehen eines Kunstwerks beteiligen. Joseph Beuys‘ Idee, dass jeder ein Künstler sein kann, wird in dieser kleinen, aber sehr feinen Galerie hochgehalten und auf berauschende Art gefördert. Ein wunderbares Gegenprojekt zu manch schicker und Besucher-unfreundlichen Elitegalerie!

Mehrzweckhalle mit Abendbeleuchtung, Bild: Annika Schwenn

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2 Antworten zu “Leinen los fürs Intuitions-Tattoo

  1. Hallo Annika
    schöner, ausführlicher text, danke! einzig der link führt nicht zu meiner webseite sondern zu derjenigen einer freundin, mit der ich of zusammenarbeite.
    meine seite ist: http://www.myspace.com/iselstattoostube

  2. Hallo Annika,
    ich bin mir nicht sicher, ob du die bist, für die ich dich halte.
    Ist deine Mutter Ärztin und wohnt/e in Hamburg?
    Wenn ja, habe ich dich als Kleinkind erlebt und durch die abrupte Trennung, die deine Mutter damals vollzogen hat, leider nie wieder etwas von dir gesehen, bzw. gehört.
    Wenn du das also sein solltest, würde ich mich über eine Nachricht sehr freuen.
    Wenn nicht, vergiss es.
    Den Text über Isabel Olbrecht und die Bilder dazu fand ich klasse.
    Rudolf Fonk

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